Positivität im Gleichgewicht

Was Losada-Ratio und Gottman-Konstante über Teams & Beziehungen verraten

Wie viele Positivität braucht es, um einen negativen Kommentar auszugleichen? Die Antwort darauf ist nicht nur für Paare spannend, sondern auch für Führungskräfte, Coaches und Teamverantwortliche. Zwei Konzepte geben Aufschluss: die Losada-Ratio und die Gottman-Konstante. Beide drehen sich um das Verhältnis von Positivem zu Negativem – und doch könnten ihre Hintergründe und Anwendungsfelder unterschiedlicher kaum sein.

Die Losada-Ratio: 2,9:1 für High-Performance?

Die Losada-Ratio entstammt der Forschung des chilenischen Psychologen Marcial Losada, der 2004 gemeinsam mit der US-amerikanischen Psychologin Barbara Fredrickson die These aufstellte:

Für ein optimal funktionierendes Team braucht es ein Verhältnis von mindestens 2,9 positiven zu einer negativen Interaktion.

Diese Zahl wird häufig auf 3:1 gerundet – nicht zuletzt, weil sie leichter kommunizierbar ist. In seiner Studie analysierte Losada Kommunikationsmuster in Geschäftsteams. Teams mit einem Verhältnis von etwa 2,9:1 bis hin zu 11:1 zeigten bessere Problemlösungsfähigkeiten, mehr Innovationskraft und eine höhere Kundenorientierung. Weniger positive Teams hingegen neigten zu stagnierender Kommunikation und Konflikten.

Fredrickson verknüpfte diese Erkenntnisse mit ihrer Theorie der positiven Emotionen, wonach regelmäßige positive Erlebnisse unsere kognitive und soziale Flexibilität fördern.

Aber Achtung:
Die mathematischen Modelle, auf denen Losada seine Schlüsse stützte (z. B. das Lorenz-System aus der Chaostheorie), gerieten massiv in die Kritik. 2013 wurde der zentrale Artikel teilweise zurückgezogen, da die Anwendung der Gleichungen als methodisch unangemessen galt (Brown, Sokal & Friedman, 2013).

➡️ Fazit: Die Grundidee, dass ein positives Übergewicht in Teams förderlich ist, bleibt nachvollziehbar – doch die exakte Zahl 2,9:1 sollte mit Vorsicht behandelt werden.

 

Die Gottman-Konstante: 5:1 für glückliche Beziehungen

Ganz anders sieht es bei der sogenannten Gottman-Konstante aus. Sie stammt vom US-amerikanischen Psychologen John Gottman, der jahrzehntelang Paare in seinem „Love Lab“ beobachtete und mit erstaunlicher Treffsicherheit vorhersagen konnte, ob eine Beziehung halten wird.

Seine wichtigste Erkenntnis:

In stabilen Beziehungen überwiegen bei Konflikten fünf positive Äußerungen auf eine negative.

Positive Interaktionen können dabei klein sein: ein zustimmendes Nicken, ein Lächeln, ein wohlwollender Ton. Negative hingegen reichen von Kritik bis hin zu Sarkasmus. Sinkt das Verhältnis unter 1:1, ist die Beziehung laut Gottman auf einem kritischen Pfad – es droht der sogenannte „Vier Reiter des Untergangs“: Kritik, Abwehr, Verachtung und Mauern.

Diese 5:1-Regel gilt nicht nur für Paare. Auch in Freundschaften, Eltern-Kind-Beziehungen oder im beruflichen Miteinander kann sie als Orientierung dienen, wie viel Positives es braucht, um Konflikte konstruktiv zu gestalten.

 

Losada vs. Gottman – zwei Welten, ein Prinzip

Beide Konzepte basieren auf dem Grundgedanken:
Positive Kommunikation ist der Schlüssel zu gesunden, stabilen Beziehungen – ob im Team oder in der Partnerschaft.
Und doch unterscheiden sich die beiden Ansätze in wesentlichen Punkten:

MerkmalLosada-RatioGottman-Konstante
KontextTeamdynamik, OrganisationenPaarbeziehungen, Konfliktkommunikation
Verhältnisca. 3:1 (für funktionale Teams)5:1 (für stabile Beziehungen in Konflikten)
UrsprungMarcial Losada (2004), Barbara FredricksonJohn Gottman (1990er Jahre)
Wissenschaftliche Lageumstritten, teilweise zurückgezogengut belegt, vielfach repliziert
AnwendungCoaching, Führung, TeamentwicklungPaartherapie, Beziehungscoaching

 

💡 Impulse für den Alltag

  • Im Team: Beginnen Sie Meetings bewusst mit positiven Beobachtungen. Wertschätzung im Alltag stärkt Zusammenarbeit – aber Kritik hat trotzdem ihren Platz.

  • In der Beziehung: Achten Sie bei Streitgesprächen auf eine emotionale Balance. Humor, Verständnis und kleine Gesten können deeskalierend wirken.

  • Im Coaching: Nutzen Sie die Konzepte, um Klient:innen für die Wirkung von Sprache zu sensibilisieren – gerade in der Arbeit an Beziehungsmustern oder Teamkultur.

 

Fazit:

Ob 2,9:1 oder 5:1 – entscheidend ist nicht die exakte Zahl, sondern die Haltung dahinter:
Positive Kommunikation ist kein Luxus, sondern die Basis für gesunde Beziehungen. Die Konzepte von Losada und Gottman erinnern uns daran, wie sehr unsere Worte wirken – und dass jedes kleine Plus zählt.

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