
Warum wir beim Verhalten anderer oft falsch liegen
Warum hat sich die Kollegin heute so kurz angebunden gezeigt?
Warum reagiert mein Partner so empfindlich?
In solchen Momenten neigen wir dazu, blitzschnell Erklärungen zu finden – und meistens schreiben wir das Verhalten direkt der Persönlichkeit der anderen Person zu. „Sie ist halt unhöflich.“ „Er ist überempfindlich.“ Punkt. Fall abgeschlossen.
Doch genau hier liegt ein Denkfehler, der uns regelmäßig in die Irre führt – der sogenannte Correspondence Bias, auch bekannt als fundamentaler Attributionsfehler.
Was ist der Correspondence Bias?
Der Begriff stammt aus der Sozialpsychologie und beschreibt unsere Tendenz, das Verhalten anderer Menschen auf deren vermeintliche Charaktereigenschaften zurückzuführen, statt die jeweilige Situation ausreichend zu berücksichtigen.
Beispiel gefällig?
Stellen Sie sich vor, Sie sind anwesend, als jemand bei einer Präsentation stottert. Schnell denken Sie: „Er ist wohl unsicher oder inkompetent.“ Dabei wissen Sie gar nicht, ob er vielleicht schlecht geschlafen hat, krank ist oder unter enormem Zeitdruck steht.
Wir unterschätzen also die Kraft der Umstände – bei anderen. Interessanterweise sind wir bei uns selbst oft gnädiger: „Ich war einfach gestresst heute.“
Warum tappen wir in diese Denkfalle?
Der Correspondence Bias ist tief in unserer Denkweise verankert. Das hat mehrere Gründe:
Bequemlichkeit des Denkens: Es ist kognitiv einfacher, stabile Eigenschaften als Erklärung heranzuziehen, statt komplexe Situationen zu analysieren.
Verfügbarkeit von Informationen: Wir kennen die Innenwelt anderer nicht – also greifen wir auf das zurück, was wir sehen: ihr Verhalten.
Kontrollbedürfnis: Wenn wir glauben, dass Menschen „so sind“, fühlen wir uns sicherer im Umgang mit ihnen. Situationen sind unberechenbarer.
Was bedeutet das im Alltag?
Wenn wir vorschnell urteilen, kann das Missverständnisse, Konflikte und Vorurteile verstärken.
Gerade im Berufsleben wirkt sich der Attributionsfehler häufig auf Führung und Zusammenarbeit aus:
Ein Mitarbeiter liefert ein schlechtes Ergebnis: „Er ist faul.“
→ Vielleicht war aber die Aufgabenstellung unklar oder die Deadline unrealistisch.Eine Kollegin wirkt gereizt: „Sie ist unhöflich.“
→ Vielleicht hat sie gerade eine schlechte Nachricht erhalten oder ist überlastet.
Was tun gegen den Attributionsfehler?
Bewusstheit ist der erste Schritt. Danach hilft ein kurzer Perspektivwechsel:
🧠 Fragen Sie sich aktiv: Welche situativen Gründe könnte es geben?
👀 Was würde ich denken, wenn ich selbst so gehandelt hätte?
💬 Sprechen Sie mit der Person, statt zu urteilen. Vielleicht steckt mehr dahinter.
Ein kleiner Trick: Wenn Sie sich beim Urteilen ertappen, ergänzen Sie innerlich den Satz:
„Oder vielleicht hatte er einfach einen schlechten Tag.“
Fazit: Verhalten ≠ Persönlichkeit
Der Correspondence Bias zeigt uns, wie leicht wir Verhalten mit Charakter verwechseln. Wer ihn erkennt, kann mit mehr Empathie, Fairness und Klarheit durchs Leben gehen – und damit auch Beziehungen verbessern.
Denn nicht jeder, der unfreundlich wirkt, ist unfreundlich.
Vielleicht ist er einfach nur müde. Oder menschlich. Genau wie Sie.